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Martin Luther und die Kraft der Liebe - 30.10.2026

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In Wittenberg, in Erfurt, in Eisleben – überall blickt Martin Luther einem auf den Plätzen seiner Lebensorte entgegen. In Stein gemeißelt, von bulliger Statur, überlebensgroß. Als ob er gleich den Mund öffnen und so selbstsicher und manchmal deftig daherreden würde, wie es von ihm überliefert ist.

Kaum vorstellbar, dass dieser Große der Weltgeschichte als junger Mann unsicher war. Der heranwachsende Martin war begabt, aber auch sehr empfindsam. Seine Eltern förderten ihn, erzogen ihr besonderes Kind aber auch mit übergroßer Strenge. Der christliche Glaube, in dem er heranwuchs, flößte ihm Angst vor dem Teufel und einem strengen Richtergott ein. Um Eltern und Gott zu genügen, funktionierte Martin wie in einer modernen Leistungsgesellschaft bestens. Er war ein guter Schüler, ein guter Student – und schließlich ein guter Mönch. Doch er entwickelte nie ein gutes Gefühl für sich. Was er auch tat, wie er sich auch anstrengte – es stillte nie seine Sehnsucht, genug und angenommen zu sein. Es gab keinen Frieden für den jungen Mönch.

 Das Lesen der Bibel rettete ihn. Alte Worte von Liebe und Gnade veränderten seinen Blick auf Gott und sich selbst. Endlich fühlte sich Martin gesehen und angenommen. Er spürte ein himmlisches Ja, das auch seine Schatten ertrug. Er staunte über die Weite der Liebe, mit der Jesus liebte. Jesus setzte lieber sein Leben auf´s Spiel, als den Fremden oder sogar den Feind aus der Liebe auszuschließen.

Martin erkannte, dass diese Liebe die stärkste Macht der Welt ist. Stärker als jede Angst.

Eigentlich ist die Reformation, die wir morgen feiern, also eine Liebesgeschichte. Und wir hüten ihre Botschaft in unseren Kirchen, wenn wir einander sagen: Du, Mensch, bist ein geliebtes Krümelchen im All. Nicht weil du heilig bist, sondern weil du es dem Höchsten wert bist. Seine Liebe kannst du nicht verdienen, aber du kannst sie verletzen, wenn du ihr Echo in dir verstummen lässt. Sie will in diese Welt – auch durch dich.

Der alternde Luther fiel hinter diese Liebe zurück, wenn er polemisch wurde und andere verteufelte. Und trotzdem setzte er bis zum letzten Atemzug auf die Liebe, die allein das Böse und den Tod besiegt. Sich im Leben und Sterben allein auf sie zu verlassen, ist sein Vermächtnis an uns.

Ich wünsche Ihnen morgen einen gesegneten Feiertag!

Sabine Schiermeyer,

Regionalbischöfin im Sprengel Ostfriesland-Ems