Grau. Grau in grau. Mausgrau, aschegrau, schiefergrau… Mir fällt Loriot ein, der mal ganz viele Namen für Grautöne aufzählte.
Hier: Nordseegrau.
Das Meer – grau. Der Himmel – grau. Am Horizont Spiekeroog – grau. Der Regen – grau. Meine Stimmung – irgendwie auch grau, allenfalls hellgrau.
Reif für die Insel. Bin ich. Schon länger. Heute gönne ich mir das mal. Nur für einen Tag. Raus aus dem Alltag. Raus aus dem Normalen. Weg von zu Hause.
Die Wetteraussichten: kühl und Regen. Egal. Das stört mich nicht. Mit Regenjacke und Regenhose bin ich gewappnet.
Jetzt sitze ich auf dem Schiff Richtung Spiekeroog. Schaue in die Weite. Hänge meinen Gedanken nach. Ich werde langsam. Ruhig. Ich genieße das Alleinsein umgeben von vielen.
Wir nähern uns der Insel. Grau wandelt sich behutsam in grün. Rote Häuser werden sichtbar. Helle Möwen bevölkern dunkles Watt.
Ich treffe auf Spiekeroog meine Freundin. Große Wiedersehensfreude! Ein Jahr haben wir uns nicht gesehen. Es gibt so viel zu erzählen. Reden, spazieren gehen, schauen. Ab und zu mal stehen bleiben, aufs Meer blicken: guck mal da, ein Segelschiff! Schau mal, was für eine schöne Muschel! Und dann: Der Himmel reißt auf! Zartes Blau leuchtet zwischen den Wolken hervor. Ein Hauch von Sonne glitzert auf dem Wasser. Der Strand wird hell.
Die Sonne, die Zeit mit der Freundin, die Weite, das Rauschen des Meeres – all das erreicht mein Herz. Das Grau in mir klart auf. Freundliche Farben mischen sich ein.
Wie gut das tut.
Ein Tag auf der Insel.
Wieder sitze ich auf dem Schiff. Rückfahrt. Was nehme ich mit nach Hause? Fotos von Strand und Meer, Selfies mit der Freundin, eine blau-rot gestreifte Mütze, die für 5 Euro unbedingt mitgenommen werden musste. Und vor allem: Ruhe, Weite, gute Gespräche, Farbiges.
Ein Vers aus den Psalmen fällt mir ein: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Danke lieber Gott für so viel Gutes heute! Ich will diesen Tag im Gedächtnis behalten. Mich erinnern, wenn das Grau mal wieder überhand nimmt.
Losgehen. Sich auf den Weg machen. Warum eigentlich nicht? Den Alltag mal für einen Tag hinter sich lassen. Raus aus dem Normalen. Nicht immer ganz so einfach zu organisieren, aber vielleicht gelingt es ja doch. Auf die Insel? In den Wald? In den Hammrich? Ins Moor? An einen See? Und dann Augen und Ohren offen halten für Gottes Natur. Und mal schauen, was Gott für uns bereit hält an Eindrücken, an Impulsen, an Ideen. Kann sein, dass es ein Tag wird, der unser Grau mit Farbe beleuchtet. Kann sein, dass es ein Tag wird, an den wir uns gern erinnern. Ein Tag, der weiter wirkt im alltäglichen Geschehen.
Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Carmen Collmann, Diakonin
Altenseelsorge im Kirchenkreis Rhauderfehn