Foto: fentjer
Foto: fentjer

Demut - ein vergessenes Wort? – 16.05.2026

Alexas Fotos auf Pixabay

Oha – da kommt er angeprescht: der Hund des Entgegenkommenden. Und nun? Mein Hund bleibt stehen, Rute und Kopf leicht angehoben – und dann, im letzten Moment: duckt der andere sich, legt sich und vermeidet Blickkontakt. Wer Hundekörpersprache kennt, kann solche Begegnungen oft schnell einschätzen. Dieses Verhalten wird häufig als Beschwichtigung oder „Demut“ beschrieben – weniger als wissenschaftlicher Begriff, eher als Signal, um Konflikte zu vermeiden.

Von der Hundesprache ist der Sprung zum Predigttext gar nicht so weit. Dort heißt es: „…bekleidet euch mit Demut, denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Gemeint ist ein bescheidener Umgang miteinander – und die Anerkennung von Gottes Wirken.

Daran denke ich auch, wenn ich an meine Pfadfinderzeit zurückdenke. Wir waren viel zelten, fuhren Rad oder wanderten – für mich, der aus einem eher rauen Umfeld kam, war das ein Ort, an dem man gutes Miteinander lernte. Bei vielen Lagern war ein über 80-jähriger Pfadfinder dabei: Paul. Er kochte für uns, brachte uns Knoten und Kochkunst bei, erzählte Geschichten – und hatte ein feines Gespür dafür, wenn jemand Sorgen hatte. Einmal, beim Abtrocknen, fragte er mich, warum ich so still sei. Zuhause lief es nicht gut, und ich erzählte ihm davon. Paul hörte zu, ohne für alles eine Lösung zu haben, aber mit einer Haltung, die trug.

Er berichtete von einem Erlebnis aus dem Krieg: Er und sein bester Freund standen an der Treppe zu einem Flugzeug. Ein Soldat sagte, nur einer könne noch mit, der nächste Flieger komme später. Der Freund drängte Paul, einzusteigen: „Du nimmst diesen – ich komme mit dem nächsten.“ Paul flog – und die nächste Maschine kam nicht durch. Er sah seinen Freund nie wieder.

Heute wird oft leichtfertig über Krieg gesprochen; Zeitzeugen werden weniger. Respekt zwischen den Generationen ist nicht selbstverständlich, Demut gilt schnell als altmodisch. Dabei wäre sie dringend: mehr Achtsamkeit füreinander, weniger Hochmut, mehr Respekt – und vor allem mehr Raum für Liebe im Umgang miteinander und mit Gott. Beten wir darum, dass das gelingt, bevor der „letzte Flieger“ gestartet ist.

Prädikant Michel Golchert (Backemoor)