Die Sonne und der freie Samstag haben uns in den Tier- und Freizeitpark gelockt. Nicht nur uns. Es hatten sich schon lange Schlangen an den Kassen gebildet. Wir standen zwischen gefüllten Bollerwagen und aufgeregt herumrennenden Kindern. Es versprach ein unbeschwerter schöner Tag zu werden. Drinnen angekommen fiel mir direkt ein kleines Mädchen in den Blick, das sich ihre Eiskugel quer über das Gesicht geschmiert hatte und dabei lachte, als wäre das die lustigste Sache auf der Welt. Parallel suchte der Vater verzweifelt im voll bepackten Rucksack nach Feuchttüchern. Unsere Kinder rannten schon zum Zug. Damit ging es immer los. Drei bis sechs Runden mit der Eisenbahn. Es war eine schöne Ablenkung von all den Aufgaben, die zu Hause auf mich warteten.
Ich dachte mir gerade, wie gut der Frühling tut, als meine Freundin meinte: „Hast du gehört? Sie haben damit gedroht, Freizeitparks und Touristenziele anzugreifen.“ Der Satz hat mich eiskalt erwischt. Ich wusste sofort, was sie meint. Ich hatte es auch gelesen. Der Sprecher des iranischen Generalstabs hatte über staatliche Medien verlauten lassen, dass Erholungsgebiete und Freizeitzentren weltweit für Bürger*innen feindlicher Staaten künftig nicht mehr sicher seien. Genau solche Orte, wie dieser hier.
Mit diesem Satz veränderte sich schlagartig alles. Die Sonne schien noch, die Kinder spielten noch vergnügt, aber in mir war es still geworden. Diese Erinnerung war wie ein Riss durch den Moment. Für einen Moment sah ich den Park mit anderen Augen. Die vielen Menschen, die Enge im Gewusel, das alles wirkte nun bedrohlich. Ein eiskalter Gedanke zog durch mich hindurch, bevor ich ihn überhaupt in Worte fassen konnte.
Ich schaute noch einmal hin auf das Bild vor mir: Die Karussells, die Kinder, das Lachen und die Gespräche und fragte: „Wollen wir uns diesen Tag von unserer Angst nehmen lassen? Soll sie den Frühling und den Sommer verschlucken?“ Ich stand da, mitten im Leben und merkte, dass ich mich entscheiden muss. Worauf hoffe ich, vorauf vertraue ich?
Der Sonntag „Misericordias Domini“ (Hirtensonntag), den wir morgen feiern, gibt uns einen wegweisenden Wochenspruch an die Hand: "Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben." (Joh 10,11a.27-28a). Er erinnert uns: Du bist nicht verloren, in dem, was dir Angst macht. Du bist nicht ausgeliefert den Stimmen, die Panik säen wollen. Da ist eine andere Stimme. Eine, die deinen Namen kennt und nicht wegläuft, wenn Gefahr kommt. Damit löst sich die Bedrohung nicht in Luft auf, aber sie hat nicht mehr das letzte Wort.
Vor drei Wochen im Freizeitpark habe ich die Stimme Gottes nicht gehört zwischen all dem Trubel um mich herum. Ich habe sie gespürt als große Gewissheit. Darum konnte ich mich entscheiden zu bleiben, zu genießen und mir den Moment nicht von meiner Angst nehmen zu lassen. Und so haben wir weiter zugesehen, wie die Kinder ihre Runden drehten und wurden selbst zu Eltern, die verzweifelt in ihren Rucksäcken nach Feuchttüchern suchten. Amen.
Martina Neubarth
Pastorin in Ostrhauderfehn/Holterfehn