„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Ein Spiel, das wir auf langen Autofahrten oft mit unseren Kindern gespielt haben. Manchmal entdeckten sie etwas draußen. Das ließ sich kaum erraten, weil es längst aus dem Blickfeld verschwunden war.
Was siehst du, wenn du auf Kirche blickst?
Häufig fällt zuerst das auf, was fehlt.
Die einen wünschen sich mehr Tradition, die anderen mehr Neues. Die einen suchen Stille, die anderen Gemeinschaft. Es ist gut, diese Stimmen zu hören. Kirche soll zuhören, verstehen und Menschen ernst nehmen.
Leicht gerät dabei aus dem Blick, dass Kirche etwas zu geben hat, das in Umfragen kaum genannt wird: das Evangelium. Die gute Nachricht, dass Gott diese Welt liebt und sie deshalb nicht sich selbst überlässt. Er kommt zu ihr. Jesus – Gott mitten in unserem Leben.
Jesus hat die Welt mit Gottes Augen gesehen. Er sah im kranken Menschen nicht zuerst seine Krankheit, sondern seine Würde. Den Sünder legte er nicht auf seine Vergangenheit fest, sondern schenkte dem, der es wollte, einen neuen Anfang.
Glauben bedeutet, die Welt mit Jesu Augen sehen zu lernen.
Wenn Menschen Opfer von Gewalt werden, werden ihr Leid und ihre Geschichten oft schnell von politischen Akteuren vereinnahmt. Dann geht es rasch um Schuldfragen oder darum, was nun getan werden müsse.
Mein Eindruck ist: Wo bleibt die ehrliche Anteilnahme am Leid der Betroffenen? Wer wie Jesus sieht, kümmert sich zuerst um die Opfer. Alles andere kommt später.
Kirche an der Seite der Opfer. Nicht spektakulär, aber wertvoll.
Im 2. Buch der Könige (Kapitel 6) wird von einem Diener des Propheten Elisa erzählt. Er sieht nur die feindlichen Heere und bekommt Angst. Da betet Elisa: „HERR, öffne ihm die Augen, dass er sehe!“ Und plötzlich erkennt der Diener: Gottes Wirklichkeit ist größer als seine Sicht der Dinge.
„Ich sehe was, was du nicht siehst.“ Das ist zwar kein Satz von Jesus. Aber er würde gut zu ihm passen.
Ich wünsche uns diesen Blick Jesu.
Wie oft sehen wir nur das, was wir ohnehin erwarten – ohne es zu merken. Doch wie anders erscheint die Welt aus Gottes Perspektive. „Herr, öffne mir die Augen, dass ich sehe.“ Das ist ein einfaches und zugleich mutiges Gebet.
Einfach einmal beten – und sehen, was passiert.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.
Liebe Grüße – von Gott geliebt,
Frerich Dreesch-Rosendahl
Pastor der ev.-luth. Kirchengemeinde Rhauderfehn