Foto: fentjer
Foto: fentjer

Schattensprünge – 15.8.2026

Pegels auf Pixabay

Redewendungen gibt es wie am Meer Sand liegt. Es gibt die mit dem Grubengraben. Die mit der Morgenstund. Die mit Schweigen-Reden-Silber-Gold. Die mit dem Krönchenrichten. Viele wie das Einmaleins: Einmal gelernt, behält man sie.

Im Sommerurlaub gingen wir unseren Weg. Andere joggten. Überholten uns, weil sie schneller waren. Kamen uns entgegen, grüßten verschwitzt und waren schon wieder weg. Buntes Hin und Her auf hölzernem Steg am Meer. Andere gingen schwimmen. Traumhafte Brandung, klarer Himmel. Juchzen von denen drin, Möwengeschrei darüber. Herrlich. Am Rand unseres Weges stand jemand. Beine übereinander. Rücken zum Meer. Blick aufs Handy. Angelehnt am Geländer: Strandkorbvermietung noch geschlossen. Dieser frühe Vogel musste wohl noch warten. 

Aber: Nicht allein. Denn bei ihm war eine, die sprang. Auf der Stelle? Nein. Über etwas drüber? Kein Hindernis zu sehen. Tanz aus der Reihe? Vielleicht, denn plötzlich blieb sie stehen. Und begann dann erneut, zu springen. Genau in dem Moment, als wir an ihr vorübergingen und einer joggte. Innerlich zählte ich: Eins… zwei, drei. Dann blieb sie wieder stehen. Und wartete. Erst, als erneut andere kamen und gingen, sprang sie wieder. Ach was, ja klar: Sie sprang über Schatten! Über seine, deren und unsere Schatten. Einfach so. Ohne zu zögern. Erwartungsvoll, dass wieder welche kamen, gingen oder liefen. Sie hatte riesige Freude daran, Schattensprünge zu machen. Toll!

„Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden“, überliefert die Bibel als Worte Jesu (Lukas 18). Gehört hat damals diese Worte auch ein Zöllner. Der, von dem zuvor beschrieben ist, dass er seine Augen nicht aufheben wollte zum Himmel, sondern an seine Brust schlug und sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Oft hatte er am Rande so vieler Wege gewartet. Sie kannten ihn, er kannte sie. Es wurde geredet. Nicht nur mit-, sondern auch übereinander. Mit seinem Schattensprung tanzt er jetzt aus der Reihe. Aus der Reihe, in die er sich selbst gebracht hatte. Er wagt ihn. Mutig und vertrauend: Gott sieht und wartet. Gott gibt Kraft und kommt entgegen. So springt er über seinen Schatten und aus sich heraus. Bemerkenswert!

Ob das Mädchen vom Steg am Meer dieses Wochenende eingeschult wird? Ob sie die Redewendung vom Schattenspringen schon kennt? Ob andere ihre Sprünge auch beobachtet haben? Auch so beeindruckt waren? Kennen, dass das auch schwer sein kann? Grad dann, wenn es der eigene Schatten ist? Mutig sind, wenn sie Vertrauen haben? In andere? In Gott? Ich bin gewiss: Gott versteht uns! Und ermutigt, aus uns rauszukommen. Gleich, was andere sagen. 

 

Mirjam Valerius

Pastorin der Ev.-luth. Kirchengemeinde Steenfelde