Populäre Musik, geistliche Impulse und Texte, die zum Nachdenken einladen: Unter dem Motto „Unchain My Heart“ wurde in der Dreieinigkeits-kirchengemeinde in Rhaude ein besonderer Gottesdienst gefeiert. Bereits zum zweiten Mal stand dabei ein Jahrzehnt der Musikgeschichte im Mittelpunkt. Nachdem beim ersten Motto-Gottesdienst Songs der 80er Jahre – unter anderem aus der Zeit der Neuen Deutschen Welle – für den musikalischen Rahmen sorgten, ging es diesmal zurück in die 1960er Jahre.
Sechs bekannte Songs aus dieser Zeit wurden live gespielt und gesungen: von Dionne Warwick, The Supremes, Ray Charles, den Walker Brothers, The Turtles und 5th Dimension. Für die musikalische Gestaltung sorgten Thomas Lindner aus Braunschweig an Keyboard, Gesang und Programming sowie Heike Kieckhöfel, Kirchenkreiskantorin aus Rhauderfehn, an Keyboard und Gesang.
Die Musik war dabei weit mehr als eine musikalische Zeitreise. Pastor Matthias Bokelmann nahm die einzelnen Lieder zum Anlass, ihre Texte aus einer geistlichen Perspektive zu betrachten und Verbindungen zu Fragen des heutigen Lebens und Glaubens herzustellen.
„Walk On By“ – Nicht einfach vorbeigehen
„Walk On By“ – geh einfach vorbei. Ein Titel, der auf den ersten Blick vielleicht wie eine Aufforderung klingt, genauer betrachtet aber eine wichtige Frage stellt: Wie gehen wir mit den Menschen um, die uns begegnen?
Menschen können mitten unter uns einsam sein, ohne dass wir es wahrnehmen. Gerade in einer Zeit zunehmender Individualisierung ist Mitmenschlichkeit besonders gefragt. Vielleicht kann schon ein Anruf, ein kurzer Besuch oder ein offenes Ohr einen Unterschied machen. Die Botschaft des Liedes wurde so zu einem Aufruf, nicht einfach aneinander vorbeizugehen, sondern hinzusehen und füreinander da zu sein.
„You Can’t Hurry Love“ – Liebe braucht Zeit
Auch „You Can’t Hurry Love“ wurde zum Ausgangspunkt für einen geistlichen Impuls. Liebe lässt sich nicht beschleunigen. Manche Dinge brauchen Zeit – Beziehungen, Vertrauen, persönliche Entwicklung und auch der eigene Weg mit Gott.
Geduld bedeutet dabei nicht Stillstand. Vielmehr geht es um Vertrauen und zugleich darum, wachsam zu bleiben und den richtigen Moment wahrzunehmen. Gottes Wirken lässt sich nicht erzwingen. Aber wir können aufmerksam sein für die Augenblicke, in denen sich neue Möglichkeiten eröffnen.
„Unchain My Heart“ – Freiheit, die Gott schenkt
Der Titelsong des Gottesdienstes, „Unchain My Heart“, führte mitten hinein in die Frage nach Freiheit: „Kette mein Herz los, gib mich frei.“
Welche Ketten tragen Menschen mit sich? Ängste, Sorgen, Schuld, Abhängigkeiten oder Erwartungen können das Leben einengen. Die christliche Botschaft eröffnet hier eine andere Perspektive: Jesus kann Ketten lösen und Menschen neue Freiheit eröffnen.
Diese Freiheit bedeutet jedoch nicht, dass der Mensch auf sich allein gestellt ist. Gott lässt uns nicht allein. Er löst Ketten und entlässt uns zugleich in die Freiheit.
Dabei wurde deutlich:
Liebe ist nicht nur ein Wort. Freiheit ist nicht nur ein Wort. Hoffnung ist nicht nur ein Wort.
„The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ – Ohne Liebe wird es dunkel
Eine weitere Facette des Gottesdienstes zeigte sich in „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ – die Sonne wird nicht mehr scheinen, wenn man ohne Liebe leben muss.
Auch hier wurde der Liedtext zum Spiegel menschlicher Erfahrungen. Liebe ist keine Nebensache, sondern etwas, das Menschen zum Leben brauchen. Wo Liebe fehlt, kann es dunkel werden. Wo Menschen einander Liebe, Aufmerksamkeit und Hoffnung schenken, kann dagegen neues Licht entstehen.
Musik einmal anders hören
Eine besondere Stärke des Gottesdienstes lag in der Verbindung von populärer Musik und geistlicher Auseinandersetzung. Viele der bekannten Songs sind seit Jahrzehnten Teil unserer musikalischen Erinnerung. Doch obwohl man ihre Melodien kennt und mitsingen kann, nimmt man die Texte häufig nur beiläufig oder gar nicht in ihrer ganzen Tiefe wahr.
Der Gottesdienst lud dazu ein, genau hinzuhören: auf die Worte, auf ihre Geschichten und auf die Fragen, die darin stecken. So bekamen die bekannten Songs eine neue Bedeutungsebene.
Die live gespielte Musik von Thomas Lindner und Heike Kiekhöfel sorgte dabei für eine besondere Atmosphäre. Die vertrauten Klänge der 60er Jahre verbanden sich mit den geistlichen Impulsen von Matthias Bokelmann zu einem Gottesdienst, der Musik, Glauben und Fragen des alltäglichen Lebens miteinander ins Gespräch brachte.
Nach dem erfolgreichen Auftakt mit den Songs der 80er Jahre hat sich damit gezeigt: Ein Gottesdienst kann auch über populäre Musik einen Zugang zu wichtigen Lebens- und Glaubensfragen eröffnen. Musik, die man kennt, Texte, die man neu entdeckt – und Gedanken, die den einen oder anderen weiterbringen.
Eine Fortsetzung dieses Gottesdienstformates würde von den Besuchern sicherlich gerne gesehen, so jedenfalls der Tenor bei Gesprächen am Rande dieses Gottesdienstes.