Rhauderfehn. Am 11. Januar 2026 wurde Pastor Martin Sundermann in einem feierlichen Regionalgottesdienst in der gut gefüllten Hoffnungskirche in Westrhauderfehn verabschiedet und entpflichtet. Die Entpflichtung nahm Superintendent Thomas Kersten vor. Noch stand der Weihnachtsbaum in der Kirche, und die Krippe war auf dem Altar aufgebaut – ein stimmungsvoller Rahmen für diesen besonderen Abschied.
Martin Sundermann wurde in Rothenburg an der Wümme geboren und wuchs als eines von fünf Kindern in einem Pastorenhaushalt auf. Sein Theologiestudium führte ihn nach Berlin, Kiel, Zürich und erneut nach Kiel; in den Jahren 1986/87 studierte er zusätzlich zwei Semester Musikwissenschaften in Saarbrücken. Ordiniert wurde er in Kuhstedt. Es folgten Pfarrstellen in Gnarrenburg, Stade, Potshausen und schließlich von 2010 bis 2025 in Langholt, wo er bis zu seinem Ruhestand wirkte.
Viele Weggefährten aus der Dienstgemeinschaft waren gekommen, um ihrem Kollegen die Ehre zu erweisen. In der Predigt griff Martin Sundermann einen Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief (1 Kor 1,26–29) auf. Paulus schreibt dort an eine Gemeinde, die stark von Statusdenken, Weisheit und Macht geprägt ist. Dem setzt er Gottes Handeln entgegen: Gott erwählt nicht die Starken und Einflussreichen, sondern oft die Schwachen, Unscheinbaren und Verachteten – damit deutlich wird, dass Erlösung nicht menschliche Leistung, sondern reine Gnade ist.
Sundermann verband diese Gedanken mit persönlichen Reflexionen zum Übergang in den Ruhestand. Er sprach davon, dass dieser neue Lebensabschnitt kein leichter Schritt sei. Zwar habe er im Laufe seines Berufslebens mehrfach die Stelle gewechselt, dennoch seien da „zwei Seelen in seiner Brust“: die Trauer darüber, dass etwas zu Ende geht, und zugleich die Müdigkeit nach vielen Jahren des Dienstes. Er zitierte den ehemaligen Superintendenten Gerd Bohlen, der den Ruhestand einmal als „Eintritt in die Bedeutungslosigkeit“ beschrieben habe – eine Formulierung, die voraussetze, dass man zuvor bedeutend gewesen sei. Ob das immer so eindeutig sei, ließ Sundermann offen.
Zur Veranschaulichung erzählte er die Geschichte von Anna, einem scheinbar ganz durchschnittlichen Kind: mittelmäßig in der Schule, ohne besondere Talente, weder auffallend sportlich noch musikalisch. Was Anna selbst nicht weiß: Sie ist das lang ersehnte Wunschkind ihrer Eltern. Ihre Schwester bewundert sie. Für ihren Großvater wurde sie nach dem Tod seiner Frau zum Halt, als sie ihm zuflüsterte: „Opa, ich hab dich lieb.“ Eine Klassenkameradin beneidete sie um die Wärme ihrer Familie. Und eine Frau aus der Kirchengemeinde sagte: „Solange Anna kommt, habe ich Hoffnung für die Gemeinde.“
Sundermann schlug den Bogen zur christlichen Grundbotschaft: Am Anfang des Glaubens stehe ein Gescheiterter – Jesus am Kreuz. Was schwach, töricht, mittelmäßig und zerbrechlich erscheine, habe Gott besonders lieb. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Mit Anna habe Gott noch viel vor – und ebenso mit jemandem, der gerade in den Ruhestand geht.
In seiner Ansprache zur Entpflichtung erinnerte Superintendent Thomas Kersten daran, dass Martin Sundermann zu seiner Konfirmation, der Ordination und nun auch zum Eintritt in den Ruhestand stets denselben Bibelvers als Leitspruch zugesagt bekommen habe: Psalm 73,28 – „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn, dass ich verkündige all dein Tun.“
Kersten würdigte Sundermanns Engagement weit über die Gemeindearbeit hinaus: In der Kirchenkreissynode habe er nahezu jeden Ausschuss einmal durchlaufen, auch in der Landessynode war er viele Jahre aktiv. “Auch über alle Gemeindearbeit hinaus hast Du dich nicht gescheut oder weggeduckt, allgemeine kirchliche Verantwortung zu übernehmen“, so Kersten, der weiterhin Sundermanns bewusste Distanz zum Mainstream und seine Meinungsstärke hervorhob. „Wir verabschieden heute einen Pastor der Theologie und einen, der Musik gleichermaßen liebt“, schloss der Superintendent seine Rede und wünschte dem Ruheständler und seiner Familie Gottes Segen für alle zukünftigen Wege.
Es folgten zahlreiche Grußworte:
Rolf Hüser, Vorsitzender der Kirchenkreissynode, dankte für die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Wilhelm Helmers, Weggefährte seit dem Predigerseminar, erzählte humorvolle Anekdoten und lobte Sundermanns Kochkunst – insbesondere seine Einführung in die Delikatesse der Ochsenbäckchen.
Christine Böcker aus Stade hob Sundermanns Beitrag zur Zusammenarbeit der Stadtkirchen hervor; der heute gemeinsame Gemeindebrief habe bei ihm seinen Ursprung. Martin Böcker, Organist des Gottesdienstes, würdigte die enge Verbindung von Musik und Theologie und erinnerte an einen Samstagmorgen, an dem Sundermann spontan die Orgelvertretung übernahm, weil der Organist (er) verschlafen hatte.
Pfarrer Sauer (Hartmut Kutsche) aus der Partnergemeinde Eula überbrachte die Grüße in perfektem sächsischen Dialekt und nahm Sundermanns Technikliebe – inklusive sprechender Küchengeräte – humorvoll aufs Korn.
Gerd Bohlen dankte für die jahrelange Zusammenarbeit: „Ohne dich hätte etwas gefehlt. Du warst nie angepasst.“ Sundermann habe stets auf hohem Niveau gearbeitet und sich auch klar verweigert, wenn er etwas nicht mittragen konnte – etwa bei der geforderten Konfirmandenordnung. Die Ordination am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, sei für ihn auch eine bleibende Verpflichtung zur Haltung gewesen.
Der Langholter Gemeindebürgermeister Norbert Pieper bemerkte augenzwinkernd, Langholt habe eigentlich alles – und dennoch gehe nun erst der Schlachter und jetzt auch der Pastor. Mit Vergissmeinnicht und vierblättrigem Klee verabschiedete er ihn dennoch herzlich. Weitere Grußworte sprachen Pastor Matthias Bokelmann, Dr. Groyen vom Kirchenvorstand, Propst Dr. Melzer, Bürgermeister Geert Müller (auf Plattdeutsch) und Pastor Heino Dirks aus Völlen, der mit einem satirischen Beitrag über eine fiktive Spezialabteilung der Landeskirche für „Anträge und Eingaben von Martin Sundermann“ für viele Lacher sorgte.
Zum Abschluss setzte sich Martin Sundermann selbst ans Klavier und spielte „Vielen Dank für die Blumen“ von Udo Jürgens an. Er dankte seiner Familie und allen Anwesenden und lud herzlich ins Gemeindehaus ein. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu:
„Die Scheu, als Erster am Büffet zu sein, ist bei mir relativ wenig ausgeprägt.“
Die nun anstehende Vakanzvertretung übernimmt Pastor Frerich Dreesch-Rosendahl.