Besuch beim Kinderheim Pandur

Nachricht 24. Januar 2019

Nach einem Gebet brechen wir auf, verabschieden uns und fahren nach Pandur, einem Dorf auf dem Lande, wo die Tamil Evangelican Lutheran Church (TELC) zwei Hostels unterhält – eins für Jungs und eins für Mädchen. Eineinhalb Stunden Fahrt durch quirligen Verkehr...

Wir treffen im TELC Frohlich Home for Girls in Pandur eine kleine, respektausstrahlende 78jährige Leiterin an,  Manoharan, die Seele des Mädchen-Kinderheims. Und wir treffen auch zwei Freiwillige aus Deutschland, die hier ein Jahr mitarbeiten: eine junge Frau aus Leipzig und einen jungen Mann aus Ostfriesland!

Amy Carmichael, eine irische Missionarin, die 1867 geboren wurde, hat ihr ganzes Leben in den Dienst der Rettung und Bildung indischer Mädchen gestellt. Diese unglaubliche Frau hat sozusagen den Grundstein der Arbeit in Pandur gelegt. Die Leiterin selber ist als Waisenkind von einer der Schülerinnen von Amy Carmichael aufgenommen und großgezogen worden. Im Jahr 2000 ist sie in Pension gegangen – und tut ihre Arbeit weiter, wofür sie nur eine Aufwandsentschädigung bekommt.

Sie zeigt uns ausführlich, welche neuen Vorschriften und Regulierungen die indische Regierung für Schülerwohnheime erlassen hat. Eine unglaubliche Regulierungs-Flut ist auf die Betreiber von Wohnheimen herab geprasselt. Die deutsche Lust an Bürokratie scheint mir hier noch übertroffen worden zu sein. So ist es z.B. auch in Tamilnadu (dem Bundesland, in dem wir uns befinden) nicht mehr erlaubt, dass Jungs und Mädchen im selben Hostel unterkommen. Waisenheime dürfen nicht mehr von Kirchen betrieben werden – nur noch von staatlichen Heimen. In allen Heimen sind CCTV´s zu installieren (Überwachungs-Kameras). 

Die Dokumentation von Vorgängen hat gewaltig zugenommen. Die Hostels sind dadurch gezwungen, mehr Arbeitskräfte einzustellen, die nur für die Erstellung der Dokumentationen da sind. Die Zahl der Angestellten musste in Pandur auf 15 erhöht werden, was nur durch trickreiche Handhabe nicht zu einer unkontrollierbaren Kostenexplosion geführt hat. Jederzeit können unangekündigte Kontrollen durch staatliche Stellen stattfinden. Und es sind etliche staatliche Stellen in der Kontrolle tätig: das Jugendamt (Social Defence, Child Welfare Committee), die Brandschutz-Abteilung (Fire Service Department) und das Gesundheitsamt (Health Service Department). Eine Fülle von Gesetzen und Vorschriften sind zu beachten. Manches macht Sinn und ist gut gedacht – manches ist auch unverständlich: es dürfen z.B. keine Spitzdächer mehr verwendet werden; alle Dächer von Institutionen müssen Flachdächer werden. Der Staat reguliert und schreibt vor, ohne aber die Institutionen auch finanziell zu unterstützen. 

Wir bekommen  das Mädchen- und auch das Jungenwohnheim gezeigt. Alles ist bedeutend größer als unsere Hostels in der GSELC. Und alles ist bedeutend älter: hier sind noch die Spuren der früheren Missionare sichtbar – und eine lange Zeit, in der die Wohnheime sich entwickeln konnten. Alles ist sauber und freundlich, die Kinder kontakt-freudig und ohne Scheu der Leiterin gegenüber. Für jedes Kind im Wohnheim ist ca. ein Euro pro Tag an Kosten in das Jahres-Budget eingestellt worden.

Henning Behrends