In Chennai und Umgebung

Nachricht 25. Januar 2019

Um 8.10 Uhr eine Morgenandacht, von Pastor Holger Rieken gestaltet. Ein Frühstück im Hotel, dann mit dem Bus zu Ehepaar F., Ende 50, die seit einigen Jahren im Lande leben und für eine deutsche Mission tätig sind. Er berät indische christliche Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO), die Kinderheime und Hostels haben – und kennt sich mit Gesetzgebung und Rahmenbedingungen in Indien gut aus. Sein „Brot“ verdient er mit der Tätigkeit in seinem Beruf. 

Einschätzungen von F. zur politischen Lage:

  • Kürzlich gab es Wahlen in fünf nördlichen Bundesländern (u.a. in Maharashtra, wo die BJP normalerweise sehr stark ist), wo es starke Hindukräfte gibt. Zur Überraschung aller hat dort die BJP die Wahlen verloren – die Leute wollen keine radikalen Hindus als Lenker des Staates haben. Von daher gibt es jetzt wieder etwas Hoffnung, was die gesamtindischen Wahlen im Sommer 2019 angeht.
  • In Tamil Nadu und in Keralla bekommt die BJP kein Bein an den Boden. Dafür ist sie im Norden und in den Städten stark.
  • Ausländer werden nicht aktiv abgeschoben, aber ihre Visa werden entzogen. Die Zahl der gesperrten Wiedereinreisen steigt

Was die Situation in Hostels und Kinderheimen angeht, meint F.:

  • Die gesetzlichen Bestimmungen dazu gab es bereits unter der Vorgängerregierung (bis auf die Regelung für Fremdwährungskonten, FCRA); sie wurden allerdings nur wenig durchgesetzt. Seit die BJP an der Regierung ist, werden die Gesetze rigoros durchgesetzt, besonders gegenüber Christen und Muslimen.
  • 2015 wurde der Kinderschutz in Indien sehr verschärft (Juvenile Justice Act, ein Bundesgesetz). Das ist gut für die Kinder, kann aber bei entsprechender Handhabung von den Behörden vor Ort viele Türen zu Schikanen öffnen.
  • Was Projekte in Indien angeht, ist die Schlüsselfrage: Was wollen denn die Leute vor Ort (need assessment)? Das fragen sich nur wenige Organisationen – es ist viel leichter, selber genau zu wissen, was für die anderen richtig ist („Kinder, zieht euch warm an – Mama friert!“).
  • Die Gesetze unterscheiden zwischen Kinderheimen (umsonst für die Kinder) und Hostels, wo die Eltern der Kinder monatlich einen gewissen Betrag bezahlen müssen.
  • Ob Hostels für Stammesleute (tribals / Adivasis) richtig sind, ist umstritten. Die Kinder müssen dazu ihr Lebensumfeld verlassen (Dorf, Familie), in das sie als Stammesleute noch viel mehr eingebunden sind als andere Inder.
  • Wenn die Vorschriften weiter zunehmen, werden Schülerwohnheime in absehbarer Zeit nicht mehr finanzierbar sein. 
  • F. rät u.a. zu handwerklicher Ausbildung (vocational training) – das würde Stammesleuten sehr entgegen kommen. Es müsse ein guter Weg gefunden werden, Absolventen der Hostels einen Weg zu einem Arbeitsplatz zu bahnen.
  • Alle Sozialarbeit hängt daran, dass ein charismatischer Leiter da ist und ein charismatischer Sozialarbeiter, die das ganze anschieben. Pastoren sollten hier keine Leiter sein, da sie andere Aufgaben haben und sich um die persönliche Entwicklung von Kindern im Einzelfall nicht so kümmern können.

Am Nachmittag fahren wir mit dem Leiter einer indischen Nicht-Regierungs-Organisation (NGO) in zwei Dörfer im Umkreis von Chennai. Hier werden von der Gesellschaft sehr Benachteiligte gefördert. Im einen Dorf leben Menschen, die von einer großen Mission aus Schuldknechtschaft freigekauft worden sind – und die hier einen neuen Anfang machen.  Die indische Regierung hat in beiden Dörfern etliche Häuser in Ziegelbauweise errichten lassen und auch öffentliche Toiletten errichtet. Sie kümmert sich hier sehr gut um die Benachteiligten.

Nach einem schnellen Abendessen (köstlich!) in einem „indischen Fresstempel“ kommen wir um 22:00 Uhr wieder im Hotel an, halten kurz Rückschau auf den Tag und gehen dann ins Bett. Morgen wird ein langer Tag!

Henning Behrends