Simchat Torah

Nachricht 04. Oktober 2018

Das Tora-Fest

Aufnahme aus einer Reformsynagoge, die von dem bekannten Schalom Ben-Chorin gegründet wurde Foto: Gerd Bohlen

Nachdem ich in den letzten Beiträgen etwas zum Yom Kippur und zum Laubhüttenfest (Erntedankfest) gesagt habe, nun zum jüdischen Simchat Torah. Was hat es damit auf sich?

Die Tora ist der erste Teil der hebräischen Bibel. Das sind die 5 Bücher Mose. Sie sind auch der erste Teil des Alten Testamentes – nicht zuletzt das verbindet uns mit dem Judentum. Da der Text ursprünglich auf Schriftrollen geschrieben war, hat jede Synagoge mehrere dieser Schriftrollen. Daraus wird in jedem Gottesdienst gelesen. Man hat sich zum Ziel gesetzt, dass jedes Jahr die 5. Bücher Mose komplett gelesen werden. Am Festtag ‚Simchat Torah‘ ist man ans Ende der Lesereihe angekommen und fängt noch am gleichen Tag wieder von vorne an. Gottes Wort ist eine never-ending story!

Die Juden sind äußerst stolz darauf, die Tora zu haben. Gott hat ihnen sein Wort mitgeteilt. Sie verehren die Tora: Wenn der Vorhang geöffnet wird, hinter dem die Tora-Rollen in der Synagoge stehen, steht die Gemeinde auf. Das haben wir uns bei den Schriftlesungen im Gottesdienst bewahrt.

Das Tora-Fest – Simchat Torah Foto: Gerd Bohlen

Wenn die Synagogenbesucher in die Nähe einer Tora-Rolle kommen, berühren oder küssen sie sie. Sie fühlen sich von Gott geehrt, dass er ihnen sein Wort gesagt hat. Gottes Wort ist ihnen keine Last, sondern eine Freude. Lebendigen Ausdruck findet das z.B. in dem 119. Psalm. Dem längsten der 150 Psalmen: Jeder der 176 Verse ist ein Ausdruck der Freude und des Dankes über Gottes Wort! „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.“ (Ps. 119,105)

Jedes Jahr wird das Tora-Fest gebührend gefeiert! Das geschieht in dieser Woche. Dann werden die Tora-Rollen von der ganzen Gemeinde durch die Synagoge getragen. Dazu singen und tanzen sie. An diesem Festtag dürfen alle Gemeindeglieder einen Abschnitt aus der Tora öffentlich vorlesen. Man reißt sich förmlich darum. So ein Gottesdienst kann schon mal lange dauern. --- Übrigens wird immer erst dann aus der Tora gelesen, nachdem jemand anderes ein Segenswort (blessing) für die Lesung gesprochen hat. Nachahmenswert!

Das Tora-Fest – Simchat Torah Foto: Gerd Bohlen

Damit nicht genug. Weil die Juden so stolz darauf sind, die Tora zu haben, wollen sie allen davon Kenntnis geben. Könnten wir uns vorstellen, stolz und begeistert mit der Bibel durch die Straßen zu ziehen? Genau das findet hier statt: Die Gemeinde mietet einen Partybulli – dahinter tragen die Menschen die Tora-Rollen (unter einer geschmückten Krone) und dann folgt die ganze Gemeinde --tanzend, singend – alt und jung, groß und klein. Die Kinder werden die mit der Erfahrung groß: Wenn wir die Tora feiern, ist das ein großes Fest. Alle sind fröhlich und begeistert – und für die Kinder gibt es  Süßigkeiten. Mir ist noch nie eine solche Begeisterung über Gottes Wort begegnet!

(Der kurze Film gibt davon einen lebendigen Eindruck. Übrigens: In dem Gebäude, das am Ende zu sehen ist, bin ich untergebracht: Es ist das alte Kloster Ratisbonne, wo es einfache Gästezimmer gibt für Menschen aus aller Welt. Der besagte Umzug führte durch meine Straße.)

Shalom - L'Shana Haba'ah B'Yerushalayim ( לשנה הבאה בירושלים ) – Nächstes Jahr in Jerusalem.

Euer Gerd Bohlen