„Und jetzt feiern wir Schabbes!“ --- Shabbat Shalom

Nachricht 03. November 2018

Es ist Freitag Nachmittag. Ein junger Vater, eindeutig als orthodoxer Jude zu erkennen, kommt mit seinen beiden Kindern (vielleicht 8 u. 10 Jahre alt) aus der Stadt. Schnellen Schrittes eilen sie zum Auto. Da sagt der Vater voller Begeisterung: „Und jetzt feiern wir Schabbes!“ Und allen –Eltern, Kindern, auch den Jugendlichen ist die Freude ins Gesicht geschrieben. Es kam mir vor, als ob die Bescherung am Heiligen Abend vor der Tür stehen würde.

Eine Stunde später war es soweit: Über die ganze Stadt ertönt ein lang anhaltender Sirenenton. Damit wird der Sabbat eingeläutet. Der Feiertag beginnt immer schon am Vorabend; schließlich heißt es in der Schöpfungsgeschichte: Da ward aus Abend und Morgen der … Tag! Der Sabbat dauert also von Freitag Abend bis Samstag Abend. Dann steht das ganze Leben in Jerusalem für 24 Std. still. Es gibt, bis auf einige Taxis, keine Autos auf der Straße. Kein Geschäft, keine Tankstelle, kein Restaurant hat geöffnet! Es funktioniert auch kein Bankautomat. Selbst die Tiere profitieren davon (auf den Schienen der Jaffa-Road – Hauptverkehrsstr.!- sah ich neulich einen Vogel). Schließlich hat Gott geboten: „Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am 7. Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.“ (2. Mose 20, 8) --- Erlaubt sind nur solche Tätigkeiten, die der Lebensrettung dienen.

Und jetzt feiern wir Schabbes!“ --- Ja, der Sabbat ist ein Fest. Darauf freuen sich alle. Wie zu jedem Fest zieht man die schönsten Sachen an. Manches von dem erscheint uns vielleicht sonderbar und fremd. Aber so ist die Kleiderordnung hier unter den verschiedenen Gruppierungen. --- Schön ist auch: Wenn man sich in den 24 Std. begegnet, (und man begegnet sich, weil alle zu Fuß gehen!), wünscht jeder: Shabbat Shalom! Mit den gleichen Worten grüßt man zurück.

Der weitaus größte Teil der gläubigen Juden geht an dem Abend noch in die Synagoge. Weit mehr Männer als Frauen, die wohl mit den Kindern zu Hause bleiben. Es wird ein Gottesdienst zur Begrüßung des Shabbat gefeiert. Dabei werden viele Psalmen gesungen (Psalm 92; 29) und natürlich – wie in jedem Gottesdienst- das Schema-Israel gesprochen (5. Mose 6, 4-9).

Und auf einmal dreht sich mitten im Gottesdienst die ganze Gemeinde um; alle schauen auf die Eingangstür. Beim ersten Mal war ich völlig perplex: Was passiert jetzt? Bis mir jemand erklärte: Ja, wir heißen doch den Sabbat willkommen– so konkret, als ob er in dem Moment zur Tür hineinkommt.

Mich hat der wöchentliche Feiertag, so wie er hier begangen wird, beeindruckt. Er tut den Menschen gut, auch der Stadt - einmal keinen Lärm und keine Abgase. Eine säkulare Jüdin, die nicht gläubig ist, erklärt: An diesem Tag versuchen wir, viele alltägliche Dinge einfach anders zu machen, damit wir merken: Dieser Tag ist anders als die anderen Tage.

Dabei erinnere ich mich: Meine Mutter schälte die Kartoffeln für das Sonntagsessen immer schon am Samstag Abend: „Denn bruuk ik dat mörgen nich mehr!“ --- Diese und andere guten Traditionen brechen uns immer mehr weg. Leider! Der Sonntag ist in Gefahr, dass er zum Werktag verkommt. In Jerusalem kann man erleben, dass es auch in einer modernen Großstadt anders geht. Ich wünsche Euch allen einen gesegneten Sonntag – Shabbat shalom!

Shalom - L'Shana Haba'ah B'Yerushalayim ( לשנה הבאה בירושלים ) – Nächstes Jahr in Jerusalem.

Euer Gerd Bohlen