Jom Kippur

Nachricht 19. September 2018
JOM KIPPUR Foto: Gerd Bohlen

Jerusalem, im Jahre 5779

Seit ein paar Tagen bin ich mich nun in Jerusalem– zu einem Kontaktstudium mit „Studium in Israel“. Als ich den Termin festgesetzt habe, habe ich weder geahnt noch gewusst, in welche Hochzeit von Festen ich hier ankomme: am 9. Tishrei (= 18./19. Sept.) findet das höchste Fest im jüdischen Festtagskalender statt: JOM KIPPUR – Tag der Versöhnung! Gerade eben komme ich aus der Zentralsynagoge an der St. Georg-Street von dem Gottesdienst, der aus diesem Anlass gefeiert wird. Wohl über 1.000 Menschen füllten die Synagoge. Im Judentum beginnen die Feste – wie auch der Sabbat – immer am Vorabend (u. gehen bis zum Sonnenuntergang des nächsten Tages).

JOM KIPPUR Foto: Gerd Bohlen

JOM KIPPUR ist wie Weihnachten für uns. Alle sind auf den Beinen – jung und alt. Als ich mich auf den Weg machte, war die Straße weiß von Menschen. Denn: Wer irgend kann, trägt ein weißes Hemd. Die meisten haben dafür einen besonderen Kittel. Ein Kittel, der keine Taschen hat – für viele Juden ist das zugleich das Totenhemd.
JOM KIPPUR ist ein Versöhnungstag und geht zurück auf 3. Mose 16 (insbesondere V. 29.31). Schon am Vortag nimmt man sich Zeit, um in sich zu gehen. Darum waren wir heute Morgen bereits um 4.30 Uhr in einer anderen Synagoge zu dem sog. Slichot-Gebeten. Slichot ist eine Einladung zu überlegen: Wo bin ich in dem letzten Jahr vor Gott und den Menschen schuldig geworden? Das wird sehr ernst genommen. Wir Menschen brauchen das, dass wir von Zeit zu Zeit in uns gehen, um mit unserer Schuld aufzuräumen. Wo hat das eigentlich in unseren Kirchen seinen festen Platz? (Das regelmäßige Kyrie-eleison im Gottesdienst erfüllt diesen Zweck noch nicht.)

JOM KIPPUR Foto: Gerd Bohlen

Im Judentum gibt es die rabbinische Tradition, die sagt: Wir können wohl Gott um Vergebung bitten, für das, was wir ihm schuldig geblieben sind. Aber was wir unseren Mitmenschen schuldig geblieben sind, das sollten wir gefälligst selbst in Ordnung bringen. Und das geschieht an JOM KIPPUR in Israel:
Familien, Nachbarschaften, die sich in dem zurückliegenden Jahr zerstritten haben, versöhnen sich wieder. In manchen Fällen denke ich: So ein Anstoß und eine Gelegenheit zur Versöhnung mit unseren Mitmenschen brauchten wir auch!
Nach den Morgengebeten am Vortag geht man am JOM KIPPUR abends in die Synagoge, um alle Versäumnisse und die nicht eingehaltenen Versprechen vor Gott zu bringen. Das macht man in dem Hemd, das keine Taschen hat, denn so - mit leeren Händen u. Taschen - werden wir einmal auch vor Gott stehen. Der Gottesdienst dauerte 2 ½ Std! (Manche regen sich auf, wenn es bei uns mal ein wenig länger als 1 Std. dauert!?)

JOM KIPPUR Foto: Gerd Bohlen

Wenn man an diesem Abend aus der Synagoge rauskommt, traut man seinen Augen nicht: Die Straßen sind leer. Die gesamte Stadt, ja das ganze Land steht still. Es fährt kein Auto! An diesem Tag landet kein Flugzeug. Es hat kein Geschäft geöffnet. Es ist in ganz (West-) Jerusalem kein Restaurant oder Kneipe geöffnet. Stattdessen ist die 6-spurige Straße vor der Synagoge voller Menschen. Die Kinder fahren Roller oder Skateboard. Man kann mit dem Fahrrad auf der Autobahn von Jerusalem nach Tel Aviv fahren.
Es muss aber auch kein Geschäft und keine Gastronomie geöffnet sein. Denn: JOM KIPPUR bedeutet auch: Es wird 25 Std. gefastet! Komplett! Weder Essen noch Trinken noch Sex noch …! In Israel halten sich 60 % der Bevölkerung daran -mehr als die, die sich für religiös halten. Für mich auch eine neue Erfahrung – ob ich das schaffe: 25 Std. ohne zu essen? (Beim Verzicht auf’s Trinken bin ich schon schwach geworden …!)
Ich wünsche erst einmal Laila tow – gute Nacht! Morgen geht es weiter mit dem großen Versöhnungstag. Für Juden ist es der Sabbat der Sabbate. Die meisten verbringen insgesamt 7 Std. in der Synagoge. Werde auch das miterleben.
Shalom - L'Shana Haba'ah B'Yerushalayim ( לשנה הבאה בירושלים ) – Nächstes Jahr in Jerusalem.

Euer Gerd Bohlen