Angst suggeriert uns, dass die Grenzen unseres Lebens immer enger werden. Angst lähmt, hindert uns, den Herausforderungen zu begegnen. Und Angst macht egoistisch! Wir leben dann in dem ständigen Gefühl, dass es nicht reicht. Klammern uns an das, was wir haben, und verlieren die Kraft für andere, den Blick für andere. Angst ist, so sagt man, ein schlechter Berater - und doch sehr bestimmend. Und ist Angst zutiefst menschlich – zu allen Zeiten und an allen Orten. Im Johannesevangelium, im 20. Kapitel lesen wir:
Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite.
Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!
Der erste Satz zeigt, wie die Jünger mit sich selbst beschäftigt waren: Die Türen waren verschlossen., das heißt, keiner kommt rein und keiner geht raus. Tatsächlich war die Angst aber auch - wie auch unsere Angst oft - berechtigt. Jesus war tot, ihre Lebensgrundlage verloren.Was sollte jetzt aus ihnen werden?
Und dann die Gefahr, dass man sie auch noch gefangen nehmen und töten könnte. Nicht gerade eine hoffnungsvolle Situation. Nicht gerade Grund zur Freude. Aber es zeigt, wie die Angst die Freunde Jesu verschließt, geradezu lebensunfähig macht. Angst isoliert und verschließt uns in uns selbst. Keiner kommt an uns ran, und wir kommen nicht (aus uns) raus.
Und dann kommt Jesus in ihre Mitte und sagt „nur“: Friede sei mit euch!
Zweimal sagt er es. Friede in Eurer Angst, innere Unruhe, Schuld, Orientierungslosigkeit, Sorge. Jesus lädt die Jünger ein: Friede findet ihr nicht, wenn ihr euch mit euch selbst, mit eurer Angst und den Gefahren beschäftigt, sondern Frieden erhaltet ihr durch mich!
Jesus tritt in den Kreis mit seinem Frieden und gleichzeitig, indem er in den Kreis hineintritt, öffnet er den Kreis, bricht ihn auf, auf zweierlei Weise:
Als er hineintritt, lenkt er die Aufmerksamkeit der Jünger auf ihn selbst. Vorher waren sie mit sich selbst, mit ihrer Angst beschäftigt, waren Gefangene ihrer selbst. Nun lenkt er den Blick auf sich, auf den Frieden, den er bringt, auf seine Möglichkeiten.
Was Jesus in gewisser Weise den Jüngern zu verstehen gibt, gilt auch uns: Schau auf mich, wenn du Angst hast, traurig oder einsam bist. Schau auf mich, wenn du denkst, dass deine Möglichkeiten für ein gutes und erfülltes Leben nicht reichen; schau auf mich und auf die Möglichkeiten, die ich habe. Ich habe den Tod überwunden und - ich lebe und ihr sollt auch leben. Schau auf mich - und du wirst Frieden finden.
Der Einladung Jesu folgend, ihren Blick nicht länger auf Gefahr, Sorge, Not zu richten, sondern den Blickwinkel zu verändern, auf Jesus, hat Folgen. Etwas verwandelt sich: Die Jünger sind fasziniert, auch zweifelnd, und gleichzeitig überwältigt.
Zum andern lenkt Jesus ihre Blicke raus aus dem engen Kreis heraus, aus dem eigenen Leben und Denken, über den eigenen Kirchturm hinaus und sagt: Euer Weg als Christen ist nicht dadurch ans Ziel gekommen, dass ihr mich gefunden habt, sondern ich habe einen Auftrag für euch: Gleich wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch sagt Jesus.
Nach Ostern geht die Geschichte weiter. Jesus beauftragt die Jünger, nicht bei sich selbst zu bleiben, sondern den vertrauten Kreis zu verlassen, hinauszugehen, in die Welt.
Liebe Synode, der Ruf Christi in die Nachfolge endet also nicht bei uns selbst, im privaten oder in unseren Gottesdiensten und Gemeinden, sondern er beginnt dort erst: Gleichwie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch!
Eine ganz entscheidende Frage, wenn wir diesen Ruf ernst- und annehmen, ist, wovon wir uns beeinflussen lassen: Sehen wir auf unsere begrenzten Möglichkeiten, auf das, was uns Sorge und Angst macht, dann beeinflusst uns gerade das, macht uns klein, ohnmächtig, eng und lähmt uns. Dann bestimmt der Geist der Gefahr uns. Wenn wir auf den Auferstandenen sehen, erfüllt er uns mit seinem, Heiligen, Geist und versetzt uns in die Lage, Angst zu überwinden und uns auf den Auftrag Jesu einzulassen: Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!
Der Geist Jesu gibt uns das, was uns selbst fehlt, wofür aber Jesus steht: Kraft, Mut, Zuversicht, Hoffnung.
Sich darauf einzulassen, ist das Vertrauen in die Botschaft von Ostern, von der Auferstehung Jesu von den Toten. Und dass auch wir gemeint sind, wenn Er, der Auferstandene, sagt: Friede sei mit Euch!
Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich Euch. Amen.